Kulturland Westfalen: Barrieren abbauen, Bewusstsein schaffen!

Es ist normal, anders zu sein! Inklusion ist ein Bekenntnis zu Einzigartigkeit und Verschiedenheit in unserer Gesellschaft. Und die große Herausforderung für uns und die kommenden Generationen.

Unter dem Motto „Barrieren abbauen, Bewusstsein schaffen!“ diskutierten über 300 Kulturakteure auf der fünften Westfälischen Kulturkonferenz über die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Kultur. Ehrengast war Verena Bentele, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.


Film über die Westfälische Kulturkonferenz 2015


Intro-Film Westfälische Kulturkonferenz 2015


Visionen (Videos)



Bildergalerie

Fotos: LWL/Stefan Althaus

LWL-Direktor Matthias Löb
Bürgermeister Malte Dahlhoff
Ehrengast Verena Bentele
Visionsgeberin Brigitta Blömeke
Visionsgeberin Dr. Regine Prunzel
Visionsgeberin Annette Schlatholt
Visionsgeber Doris Langenkamp und Michael Angly
Visionsgeber Klaus-Peter Kirchner
Visionsgeber Matthias Gräßlin
Interaktion angeleitet von Matthias Gräßlin
Mitwirkende
Traum-Circus
Traum-Circus
Traum-Circus
Forum 1
Forum 2
Forum 2: Botschaft
Forum 3
Forum 3: Botschaft
Forum 4
Forum 4: Botschaft
Forum 5
Forum 5: Botschaft
Forum 6
Forum 6: Botschaft
Ergebnispräsentation Bsp. Forum 2
Abschlussplenum
Moderator Dirk Glaser
LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale
Feedback
Repräsentanten der Veranstalter, Ehrengast, Bürgermeister und Moderator

Bericht

Begrüßung und Einführung

LWL-Direktor Matthias Löb stellte in seiner Eröffnung die Bedeutung der Inklusion für den LWL und für die Kultur heraus. „Auf das Motto ‚Kultur für alle‘ folgt jetzt das neue Leitmotiv ‚Inklusion für alle‘“, sagte er. „Bei Kulturangeboten sieht man deutlich, wie Maßnahmen der Inklusion nicht nur Menschen mit Behinderungen nützen: Der Vater mit Kinderwagen freut sich genauso über den barrierefreien Zugang in ein Museum wie ich über ein großes Schriftbild in Kunstbüchern oder verständliche Texte an Exponaten. Inklusion nützt allen.“

Der Bürgermeister von Bad Sassendorf Malte Dahlhoff freute sich, dass sich der LWL für Bad Sassendorf als Tagungsort vor dem Hintergrund des Themas Inklusion in der Kultur entschieden habe. Er betonte, dass die Gemeinde Bad Sassendorf ihre bereits größtenteils inklusive Infrastruktur weiterentwickelt.

Impulsvortrag „Inklusion 4.0“

„Alle Menschen müssen die Möglichkeit haben, in Deutschland kreativ zu sein. Kunst spricht eine Sprache, die jeder Mensch mit und ohne Behinderung beherrscht“, sagte Verena Bentele, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Ihrer Meinung nach laufe die „passive Teilnahme“ an Kultur, also der Theater- oder Museumsbesuch schon gut. Es mangele aber an der aktiven Teilnahme. „Die Kreativität von Menschen mit Behinderung wird oft behindert, weil die richtigen Angebote fehlen. Wir brauchen mehr speziell ausgebildete Pädagogen“, verdeutlichte Verena Bentele. Die zwölffache Paralympics-Siegerin im Biathlon machte den Konferenzteilnehmenden mit ihrem sehr persönlichen Impulsvortrag Mut für den langen, aber lohnenswerten Weg der Inklusion. Und stellte als „Inklusion 4.0“ ihre Vision der vollendeten Inklusion vor.

Visionen "Wie wünsche ich mir das Kulturland Westfalen-Lippe im Jahr 2050?"

Diesem Credo folgten die anschließenden Visionen. "Wie wünsche ich mir das Kulturland Westfalen-Lippe im Jahr 2050?" Sieben Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen stellten ihre persönliche Wunschvorstellung vor und öffneten damit Köpfe und Herzen der Konferenzteilnehmenden.

Brigitta Blömeke von der Kulturloge Ruhr in Gelsenkirchen forderte in ihrer Vision, dass im Jahr 2050 „kulturelle Teilhabe als Grundbedürfnis und UN-Grundrecht aller Menschen nicht mehr in Frage gestellt ist“. Dr. Regine Prunzel, Referatsleiterin der LWL-Kulturabteilung in Münster, wünschte sich, dass trotz des technischen Fortschritts – „man wird ins Museum gebeamt und jeder hat einen 3D-Drucker“ – das originale Objekt und das direkte Miteinander von Mensch zu Mensch immer noch am wichtigsten sind.  „Wir haben vergessen, dass wir eine Behinderung haben“, so brachte Annette Schlatholt, Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe NRW, ihre Vision auf den Punkt. Doris Langenkamp, Vorsitzende der Lebenshilfe Münster, und Michael Angly, Sprecher von „Wir Menschen mit Lernschwierigkeiten in Münster“ (WiM) blickten in ihrer Vision auf das Jahr 2015 zurück und waren froh, dass die Haltung sich grundlegend geändert hat: „Jeder ist, wie er ist, und jeder hat, was er braucht, und immer finden die Macher einen Weg, wie man sich verstehen kann.“ Klaus-Peter Kirchner von der Aktion-Kunst-Stiftung in Soest stellte sich vor, dass die räumliche und programmatische Barrierefreiheit vollständig erreicht ist, möglich gemacht durch ein Gesetz, dass Unterstützung gewährleistet. In der Kunstproduktion gebe es an jeder Kunstakademie inklusive Klassen und Werkstätten könnten sich auf ihre Kernaufgabe Rehabilitation beschränken oder seien abgeschafft. Matthias Gräßlin schließlich, Leiter der Theaterwerkstatt Bethel in Bielefeld, ging in seiner Vision von der Erfahrung aus, dass man nur von fremden Menschen lernen könne und begann mit einer künstlerischen Intervention. Seine Vision: „Wir haben gelernt, neugierig und gelassen aufeinander zuzugehen. Es gibt offene Räume, die barrierefrei, kooperativ und kommunikativ sind. Dort treffen sich die Menschen nach ihren Interessen. Die Besonderheit jedes Einzelnen dient der Bereicherung. Jeder wird gebraucht.“

Foren 1 bis 6

So gerüstet, diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag in sechs Arbeitsgruppen über ausgewählte Handlungsfelder der Inklusion im Kulturbereich. Welche Schritte sind als nächstes nötig und möglich? war die Leitfrage. Dabei stellten sich das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund und das Schrägstrichtheater in Münster, das „Dortmunder Modell: Musik“ der Technischen Universität Dortmund, die Kulturbegleiter in Rheine und viele andere inklusive Kulturprojekte und Initiativen in Westfalen-Lippe vor. Und die Teilnehmenden brachten ihre eigenen Erfahrungen und Projekte in die Diskussionen mit ein. 

Die Teilnehmenden des Forums 5 setzten sich mit inklusiver Kulturarbeit im Spannungsfeld zwischen Therapie und Selbstverwirklichung auseinander. „Kunst ist immer inklusiv. Kunst kann nicht inklusiv sein“ war die nur scheinbar paradoxe Botschaft der Gruppe an das Abschlussplenum.

In Forum 3 ging es darum, wie im Museum die praktischen Forderungen von Menschen mit Beeinträchtigungen beim Sehen und Hören mit ästhetischen Ansprüchen verbunden werden können. Ergebnis dieser Arbeitsgruppe war, dass es vor allem gelte, die „Barrieren im Kopf“ abzubauen, Menschen mit Behinderungen in Planungsprozesse frühzeitig einzubeziehen und sich zu ermutigen, gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, innerhalb derer sich große Schnittmengen ergäben.

Die Einrichtung des Onlineportals „NRW informierBar“ wurde in Forum 2 als ein wichtiger Schritt für mehr Barrierefreiheit und Mobilität identifiziert. Mut zum Experimentieren und eine enge Kooperation aller Beteiligten seien erforderlich. Abschließend hob die Gruppe hervor, dass nicht nur die bauliche Situation, körperliche oder geistige Einschränkungen Hindernisse darstellen, sondern auch eine fehlende Begleitung die Mobilität einschränken könne. Dies stärker in das öffentliche Bewusstsein zu tragen sei daher ebenso essenziell.

Inklusion als Frage der Wahrnehmung und der Haltung war Thema des Forums 4. Hier einigten sich die Teilnehmenden in einem kreativen Kommunikationsprozess auf die Botschaft: „Einfach anfangen und riskieren - die Ampel steht auf Grün“.

Um die Erschließung neuer Geldquellen und die Entwicklung von Projekten wie die Kulturloge Ruhr, die eine Brücke zwischen der Kunst und dem sozialen Sektor schlagen und das bürgerschaftliche Engagement stärken und fördern, ging es in Forum 1. Die Finanzierung wurde zwar als große Herausforderung identifiziert, wenn es um die Teilhabe der gesamten Gesellschaft an Kultur gehe, darauf folgte jedoch der Hinweis auf die Vorreiterrolle der Kultur im Bereich Inklusion.

Im Forum 6 arbeitete die Gruppe mit ästhetisch-künstlerischen Mitteln an der Frage, wie man von der Barriere zur Kunst der Inklusion kommt. Die zunächst gesammelten Aspekte und Argumente wurden in Aktionen, Bilder und Bewegungen überführt und reflektiert. Die Mitwirkenden setzten sich damit auseinander, was es bedeutet, wenn zwei oder mehrere sich begegnen, die sich nicht kennen. Und erlebten, welche Potenziale diese Begegnung freisetzen kann.

Einig waren sich die Teilnehmenden bei der Zusammenfassung im Abschlussplenum, dass die Inklusion ein langer, aber lohnenswerter und nicht automatisch beschwerlicher Weg ist. Inklusion ist vor allem eine Frage der Haltung und Einstellung und es lohnt sich, den Blick auf die Potenziale und nicht auf die Defizite zu werfen.  In dieser Hinsicht können gerade Kunst und Kultur eine Vorreiterreiterrolle einnehmen und für alle Menschen in Westfalen-Lippe vielfältige Chancen eröffnen. 

Traumreise

Der künstlerische Höhepunkt der Kulturkonferenz war der TraumCircus aus Marsberg im Hochsauerland. Mit 40 Akteuren nahm die inklusive Artistengruppe des LWL-Wohnverbundes die Zuschauer mit auf ihre begeisternde „Traumreise“ und bekam stehende Ovationen.

Den Bericht hier herunterladen

Weitere Informationen zu den Foren finden Sie hier

Eine Seite mit Links zum Thema Inklusion und Kultur in Westfalen-Lippe finden Sie hier