Evaluation der Pilotplanungsprozesse

Das Interesse an konzeptgestützter Kulturpolitik und an den Ergebnissen von Kulturplanungsprozessen in Westfalen-Lippe brachte rund 360 Kulturakteure in der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen zusammen. Im Mittelpunkt  stand die Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse der neun Kulturplanungen in zwei Kreisen und insgesamt elf Städten in Westfalen-Lippe.



Die Tagung zum Anhören

Begrüßung (Andreas Lux, Dieter Gebhard, Jörg Dehm)

Impulsvortrag "Chancen interkommunaler Kooperation" (Bernd Neuendorf)

Einführung "Kulturagenda Westfalen" (Dr. Barbara Rüschoff-Thale, Reinhart Richter)

Kurzvorstellung der Kulturplanungsprozesse (Vertreter aus zwölf Kommunen)

Beitrag "Akzeptanz der Kulturagenda Westfalen" (Katharina Wekenborg)

Vortrag "Eine kritische Gesamtbetrachtung" (Dr. Markus Morr)

Diskussion "Kulturplanung und Kooperation" und Verabschiedung (Benedikt Ruhmöller und andere)


Bildergalerie


Bericht

Begrüßung

Zur Tagung begrüßten der Geschäftsführer der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen Andreas Lux, der Vorsitzende der Landschaftsversammlung Westfalen-Lippe Dieter Gebhard sowie der Oberbürgermeister der Stadt Hagen Jörg Dehm.

Dieter Gebhard freute sich über das unerwartet große Interesse an der Fachtagung. Die hohe Teilnehmerzahl allein zeige schon die Relevanz von strategischer Kulturplanung und dass eine der intendierten Auswirkungen der Kulturagenda Westfalen, nämlich viele kulturpolitische Diskurse anzustoßen, schon erreicht sei. Er dankte besonders dem Land Nordrhein-Westfalen für die Förderung der Tagung.

Jörg Dehm betonte die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von strategischer Kulturplanung und von Kooperation - gerade dann, wenn eine Kommune sich in einer schwierigen Haushaltslage befände, sei es umso wichtiger Klarheit darüber zu haben, welchen Stellenwert die Kultur habe und welche Ziele man verfolgen wolle.

Chancen interkommunaler Kooperation

Den Auftakt der Tagung machte Bernd Neuendorf, Staatssekretär im NRW-Kulturministerium. In seinem Impuls "Die Chancen interkommunaler Zusammenarbeit aus Sicht des Landes NRW" stellte er die Bedeutung und die Chancen interkommunaler Zusammenarbeit aus Sicht des Landes NRW heraus. Durch gemeinsame Ziele könne es Kommunen gelingen, trotz Finanznot den Kulturbereich nicht weiter zu schwächen. Er ermutigte die Pilotkommunen der Kulturagenda Westfalen, die hier als gute Beispiele vorangehen, und stellte noch einmal heraus, dass Kulturpolitik Strukturpolitik sei. Das Vorgehen sei außerdem eine hervorragende Möglichkeit Kunst und Kultur auch abseits der großen Städte als gesellschaftliche Konstante beizubehalten. Das in Arbeit befindliche Kulturfördergesetz NRW solle als Maßnahme zur Stärkung kommunal- und landesweiter Kulturentwicklung beitragen, indem es Verbindlichkeit und Verlässlichkeit festigen und vor allem interkommunale Kulturplanung fördern solle.

Kulturagenda Westfalen: Meilensteine - Methoden - Evaluation

Anschließend führten LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale und Kulturberater Reinhart Richter in das Tagungsthema ein. Sie stellten die Ziele und Meilensteine der Kulturagenda Westfalen sowie die Methode und das Verfahren der Pilotplanungsprozesse zusammenfassend vor - gedacht vor allem für diejenigen Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer, die zum ersten Mal dabei waren.

Die Kulturagenda Westfalen ist ein Kommunikations- und Planungsprozess und zielt insgesamt auf eine strategische Verbesserung der Kulturarbeit vor allem durch Kommunikation und Kooperation ab sowie auf die Stärkung des Stellenwertes der Kultur in der Gesellschaft.

Das von Kulturberater Reinhart Richter erarbeitete Konzept wird seit Mai 2012 umgesetzt, nachdem die Westfälische Kulturkonferenz 2012 in Bielefeld als Gesamtheit der Kulturakteure genügend Interesse und Bereitschaft zur Mitwirkung geäußert hatte. Eine Zwischenbilanz wurde bei der Westfälischen Kulturkonferenz 2013 in Emsdetten gezogen.

Ein wichtiges Teilziel ist die Initiierung und Unterstützung von möglichst vielen kulturpolitischen Diskursen und strategischen Kulturplanungen überall in der Region. Zur Unterstützung wurden neun Kulturplanungsprozesse durchgeführt, beraten und moderiert von Kulturberater Reinhart Richter.

Die Kreise Höxter und Olpe, die Städte Freudenberg (Kreis Siegen-Wittgenstein) und Hagen, Lippstadt (Kreis Soest), Hattingen und Witten (beide Ennepe-Ruhr-Kreis) sowie die kooperierenden Städte Ahlen und Beckum (Kreis Warendorf) sowie "Oben an der Volme" mit Halver, Kierspe, Schalksmühle, Meinerzhagen (Märkischer Kreis) sind die Pilotkommunen. Sie waren von der Steuerungsgruppe der Kulturagenda unter 18 Bewerbungen ausgewählt werden. Grundlage für die Auswahl waren verschiedene Kriterien wie Planungstyp und Akzeptanz; Ziel war ein möglichst breites Spektrum unterschiedlicher Planungstypen und -träger.

Die von Reinhart Richter entwickelte Methode erlaubte es den Kommunen, innerhalb kurzer Zeit einen Planungsprozess unter Beteiligung möglichst vieler Kulturakteure durchzuführen. Eine weitere Besonderheit war die Möglichkeit für andere Kommunen und Kulturorganisationen, an den Prozessen als Beobachter teilzunehmen, um so für die eigene strategische Kulturarbeit und mögliche Kulturplanungen zu profitieren.

In seiner Einführung betonte Reinhart Richter die wichtige Vorbildfunktion der Pilotkommunen, besonders für die rund 20 Beobachter. Und er begründete die Methode: Durch den für alle Interessierten offenen Planungsprozess könnten das Wissen, die vielen verschiedenen Blickwinkel, Kompetenzen und Erfahrungen unterschiedlicher Kulturakteure berücksichtigt werden. Diese und andere neue Beteiligungsformate würden zunehmend wichtiger Gelingensfaktor für nachhaltige Planungen in einer Kommune, die nicht "in der Schublade" verschwinden.

Zu den vorgestellten Kriterien für die Evaluation - unterstützende, hilfreiche und anregende Wirkungen bei der Initiierung und Durchführung von Kulturplanungen in Westfalen-Lippe - ließ Moderatorin Anne Legat mit Fragen ein Stimmungsbild bei den Teilnehmenden entstehen. Fast alle Teilnehmenden standen bei der letzten Frage auf: "Wer ist davon überzeugt ist, dass konzeptgestützte Kulturarbeit notwendig ist?"

Neun plus drei Planungsprozesse in Westfalen-Lippe

Anschließend stellten Vertreter der neun Pilotplanungsprozesse diese mit den Eckpunkten kurz vor. Dazu kamen Vertreter von drei weiteren Städten, die im vergangenen Jahr eine Kulturplanung außerhalb der Kulturagenda fertiggestellt haben, nämlich Bad Oeynhausen, Bielefeld und Hamm. Dort sind die Planungen mit anderen Methoden erarbeitet worden, was für die Teilnehmenden eine weitere Bereicherung der Tagung war - hatten sie auf diese Weise doch die Chance, sich über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Planungsmethoden und -verfahren zu informieren.

Lernkarussell: Kulturplanungen erleben

Anschließend ging es ins sogenannte Lernkarussell, wo alle Teilnehmenden die Planungsprozesse intensiv kennenlernen konnten. Die Teilnehmenden nutzten die Möglichkeit, sich über die konkreten Ergebnisse und den aktuellen Stand einzelner Planungsprozesse zu informieren, tauschten Erfahrungen aus und diskutierten über Gelingensfaktoren und Stolpersteine.

Akzeptanz der Kulturagenda Westfalen

In ihrem Vortrag "Akzeptanz der Kulturagenda Westfalen: Ergebnisse einer Befragung" präsentierte Dipl. Kultur- und Medienmanagerin Katharina Wekenborg die Ergebnisse aus einer Umfrage, die sie 2012 durchgeführt hatte und Grundlage für ihre Diplomarbeit über die Kulturagenda Westfalen am Institut für Kultur und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg war.

Gefragt hatte sie unter anderem nach der Bedeutung von Vision und Handlungsfeldern der Kulturagenda Westfalen sowie der Wirksamkeit der Maßnahmen im Entwicklungsstrang Kulturplanung. Von 631 eingeladenen Kulturakteuren hatten insgesamt 138 Personen an der Umfrage teilgenommen, das waren über 21 Prozent.

Es wurde festgestellt, dass 83 Prozent der Befragten eine gemeinsame Vision und Handlungsfelder als wichtig für die kulturpolitische Orientierung von Westfalen-Lippe erachten. Die meisten Probanden bewerteten auch die Pilotplanungsprozesse und andere Unterstützungsangebote, vor allem die Möglichkeit der Teilnahme als Beobachter, als hilfreich für die Initiierung und Durchführung von Kulturplanungen. Die Umfrage hatte auch die Möglichkeit eröffnet, Anregungen und Wünsche zu formulieren. Gezielte Ansprache der Lokalpolitiker, kontinuierlicher Ausbau von Kommunikation, Kooperationen und Vernetzungsmöglichkeiten wurden am häufigsten genannt.

Bei der Tagung wurde eine neue Umfrage zur weiteren Evaluation gestartet, die alle Teilnehmenden in ihrer Mappe hatten.

Kritische Gesamtwürdigung

Dr. Markus Morr, anerkannter Fachmann für Kulturentwicklungsplanung aus Marburg, hatte die arbeitsreiche Aufgabe übernommen, die Planungsprozesse zu analysieren und mit einem Blick von außen zu beurteilen.

Nach einer allgemeinen Übersicht über Kulturplanungen in Deutschland bewertete er vor diesem Hintergrund die in der Kulturagenda Westfalen angewandten Methoden und ihren Pilotcharakter, stellte Stärken und Schwächen zusammen und abstrahierte die Ergebnisse.

Der Pilotcharakter zeige sich demnach an mehreren Aspekten. So sei die angewandte Methode in Teilen neu und in dieser Dimension im Kulturbereich bislang einzigartig in Deutschland. Im Vergleich zu anderen Prozessen dieser Art sei eine sehr hohe Bürgerbeteiligung erreicht worden. Als vorbildlich und zukunftsweisend bewertete Morr das Beobachtersystem.

Als größte Schwäche benannte Dr. Morr die insgesamt geringe Beteiligung von Politikerinnen und Politikern. Auch die Gewinnung von jungen Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und anderen schwer erreichbaren Zielgruppen sei insgesamt problematisch gewesen. Als weitere Schwächen bzw. Risiken hätten sich das erforderliche zeitliche Engagement und die Ressourcenknappheit herausgestellt.

Letztendlich nicht als Schwäche, sondern als Stärkung solle man dagegen die sogenannten Verteilungs- oder Grabenkämpfe sehen. Diese spielten sich immer dann ab, wenn sich "vermeintlich Arrivierte neuen Zielen und "Konkurrenten" stellen müssen."

Als Schwäche könnte auch erkannt werden, dass in kaum einem Prozess ein Kulturentwicklungsplan im herkömmlichen Sinne entstanden sei bzw. entstünde. Nach Meinung von Markus Morr sei aber viel wichtiger als ein Plan, den man in einer Hochglanzbroschüre drucken könne, der Prozess selbst und das, was tatsächlich passiere. Und hier erkannte er, dass überall vielfältige und vielschichtige Entwicklungen begonnen hätten.

Daneben hätten insgesamt die positiven Aspekte überwogen. Zu diesen gehörten vor allem die kreative Atmosphäre und die gegenseitige Wertschätzung der Teilnehmenden sowie die Offenheit - jeder konnte teilnehmen - und Dynamik der Prozesse. Die Verstärkung von Vernetzung und interkommunalem Denken sei deutlich gestiegen, womit ein wichtiges Teilziel der Kulturagenda schon erreicht worden sei.

Das Bewusstwerden über den eigenen kulturellen Reichtum und das nun vorhandene Wissen über die eigenen Stärken und Schwächen sei ebenso hoch einzuschätzen wie die positiven Auswirkungen auf den Stellenwert der Kultur und die identitätsbildenden Indizien und das Ernstnehmen der Kulturarbeit in den eher ländlichen Räumen Westfalens. Mit den Zielen und Leitbildern für die Kulturarbeit hätten die Pilotkommunen nun einen sehr großen Vorteil gegenüber allen Kommunen, die das nicht haben, "weil man sich gemeinsam erarbeiteten Zielen widmen kann und sein kulturelles Profil stärkt."

Im Ganzen betrachtet, so Dr. Markus Morr, sei Westfalen-Lippe auf einem guten Weg. Nach dieser ersten Phase der Planung sei nun die Politik gefragt, wenn es darum gehe, die Umsetzung der erarbeiteten Maßnahmen zu ermöglichen. Eine ehrliche Herangehensweise nannte er dafür als wichtigste Handlungsmaxime. Mit engagierten Menschen, die feststellen, dass Ziele auch umgesetzt würden, ließe sich auch künftig vieles erreichen.

Klar sei auch, dass nicht alles sofort umgesetzt werden könne, sondern eine Grundlage für die Kulturarbeit auf viele Jahre hinaus geschaffen worden sei. In diesem Zusammenhang käme auch der Westfälischen Kulturkonferenz und den evaluierenden Sitzungen der Fachausschüsse der Pilotkommunen große Bedeutung zu. Insgesamt stelle die Kulturagenda Westfalen eine neue Qualität in der gleichzeitigen Erarbeitung mehrerer Kulturplanungen in Deutschland dar und lege die Messlatte für andere Projekte dieser Art sehr hoch.

Diskussion "Kulturplanung und Kooperation"

Das Ende der Tagung bildete eine Diskussion, die sich an drei Hauptfragen orientieren sollte: "Was muss passieren, um die Zusammenhänge zwischen Kulturentwicklung des Landes und der Kommunen strategisch zu fundieren? Was braucht es an strategischer Planungsgrundlage, um von eher einzelhafter zu mehr systematischer Kooperation zu kommen? Welche strukturellen Voraussetzungen braucht man für mehr Kooperation?

In der Diskussion wurden diese und viele weitere Aspekte angesprochen. Etliche Konferenzteilnehmenden nutzten die Möglichkeit, sich in die Diskussion einzubringen oder nahmen sogar auf den bereitgestellten Stühlen des Podiums Platz.

Im Mittelpunkt der Diskussion standen Beteiligung und Nachhaltigkeit: Das offene Verfahren, das die Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern, Kulturschaffenden, Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht hat, wurde von den Teilnehmenden als sehr positiv bewertet. Dieses große Engagement dürfe nicht im Sande verlaufen und auch die Ergebnisse müssten ernstgenommen werden. "Wie kann sichergestellt werden, dass die Ergebnisse jetzt auch tatsächlich umgesetzt werden?", wurde aus dem Plenum besorgt gefragt.

Daneben wurde appelliert, das Thema Kultur immer wieder und überall "auf die Tagesordnung zu setzen", das heißt immer wieder und bei jeder Gelegenheit über Kultur zu sprechen, um sie nachhaltig bei der Bevölkerung und in der Politik zu verankern. Hierfür seien die Pilotplanungsprozesse wichtige Ausgangs- und Bezugspunkte.

Reinhart Richter betonte in seinem Schlusswort noch einmal die Konsequenzen, die sich durch die offenen Planungsprozesse für die Mitwirkenden und Entscheider ergeben, und ermunterte dazu, die vielen Schätze und kulturellen Potenziale, die er in den Pilotkommunen entdeckt habe, "wahrzunehmen und durch Vernetzung und gegenseitige Unterstützung das Beste daraus zu machen".

Wie geht es weiter?

"Für die Pilotkommunen ist die größte Herausforderung die weitere Bearbeitung der Ergebnisse und ihre Aufbereitung sowie die Umsetzung der Maßnahmen", sagte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale. Sie sollen dabei vom Projektteam "Kultur in Westfalen" nach dessen Möglichkeiten unterstützt werden.

Hilfreich könne dabei auch das "Netzwerk Kulturplanung" sein, das die Pilotkommunen und Beobachter bei ihrem letzten Treffen Ende 2013 vereinbart haben, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und externes Know-how zu teilen. Das Netzwerk solle vom Projektteam "Kultur in Westfalen" koordiniert werden und auch offen für andere Kommunen sein, die an Kulturplanung interessiert sind oder eine solche planen.

Alle Pilotkommunen haben sich mit ihrer Bewerbung verpflichtet, nach einem Jahr eine Sitzung des Fachausschusses für Kultur zur Evaluation ihres jeweiligen Planungsprozesses durchzuführen. Dafür werden noch einmal Ressourcen zur Verfügung gestellt, damit sie von Kulturberater Reinhart Richter begleitet werden können.

In Vorbereitung sei außerdem eine Publikation zum Abschluss dieser ersten Phase der Kulturagenda Westfalen. Neben einer Dokumentation der Pilotplanungsprozesse solle die Publikation auch einen Methodenleitfaden enthalten für andere Kommunen, die an konzeptgestützter Kulturpolitik interessiert sind.

Zum Schluss dankte Barbara Rüschoff-Thale allen Teilnehmenden an den Planungsprozessen und an der Tagung. Ein besonderer Dank ging an Herrn Richter, die Referentinnen und Referenten sowie an die Mitwirkenden im Lernkarussell. Viele Teilnehmerinnen ließen bei Kaffee und Kuchen die Tagung ausklingen.