Kultur in Bewegung bringen: Studie über Wirksamkeit von Kulturplanung

09.04.2019

Eine neue Studie über Kulturplanung in Westfalen-Lippe zeigt, dass Kulturplanung ein wirkungsvolles und nachahmenswertes strategisches Instrument für Kommunen ist und auch dazu beiträgt, den Stellenwert der Kultur zu heben. Das ist das Ergebnis einer Evaluation der Kulturagenda Westfalen ff.

Nirgendwo in Deutschland wird so viel strategische Kulturplanung betrieben wie in Westfalen-Lippe. In über zwei Dutzend Städten und Kreisen überall in der Region erarbeiten Kommunen zusammen mit den Bürgern Strategien und Maßnahmen, um Kunst und Kultur in ihrem Ort oder ihrer Region fit für die Zukunft zu machen.

Einen wichtigen Impuls leistet dazu seit 2012 die Kulturagenda Westfalen, der Kulturentwicklungsprozess für Westfalen-Lippe. In diesem Rahmen konnten neun Pilotplanungsprozesse initiiert und fachlich begleitet werden. In den folgenden Jahren haben sich viele weitere Kommunen auf den Weg gemacht und in mehr oder weniger enger Anlehnung oder auch ganz unabhängig davon strategische Kulturplanungsprozesse in ihrem Ort oder ihrer Region auf den Weg gebracht.

17 dieser Planungsprozesse hat Dr. Markus Morr, Kulturexperte aus Marburg, seit 2017 auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Jetzt liegen die Ergebnisse in einer Dokumentation vor, am 8. April haben wir sie der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das wichtigste Ergebnis aus Sicht des Experten

Das wichtigste Ergebnis: Die meisten der 157 befragten Akteure, die auch an den Kulturplanungen beteiligt waren, würden anderen Städten, Kreisen und Gemeinden einen Kulturplanungsprozess empfehlen. Jeweils zwei Drittel jeder Gruppe hatte auf die Frage danach mit einem uneingeschränkten „Ja“ geantwortet, jeweils ein Drittel mit einem eingeschränkten „Weiß ich nicht“.

Welche Planungsprozesse wurden untersucht?

Die untersuchten Kulturplanungen liefen in acht Pilotkommunen der „Kulturagenda Westfalen“. Daran beteiligt waren die Städte Hagen, Hattingen und Witten (Ennepe-Ruhr-Kreis), Lippstadt (Kreis Soest) sowie die Kreise Höxter und Olpe. Interkommunal hat Ahlen zusammen mit Beckum (Kreis Warendorf) einen Prozess durchgeführt, genauso kooperiert hatten die vier Kommunen „Oben an der Volme“ Halver, Kierspe, Meinerzhagen und Schalksmühle (Märkischer Kreis). Zu diesen Pilotkommunen kamen die Planungen in Bad Oeynhausen (Kreis Minden-Lübbecke), Dülmen (Kreis Coesfeld) und Gütersloh (Kreis Gütersloh), die sich mehr oder weniger stark an der Kulturagenda Westfalen orientierten, sowie die vom Land NRW als Modell geförderte interkommunale Kulturplanung von Bad Berleburg (Kreis Siegen-Wittgenstein) gemeinsam mit Schmallenberg (Hochsauerlandkreis).

Ausgangsfragen

Dies waren die Ausgangsfragen für die Evaluation:

Wie ist diese groß angelegte Planungsoffensive nach fünf Jahren einzuschätzen?
Wurden die vorab gesteckten Ziele insgesamt erreicht?
Welche sind die wichtigsten Erfahrungen der Teilnehmenden?
Was ist aus Sicht der beteiligten Akteure besonders gut gelungen – und was nicht?
Sind die Ergebnisse der Planungsprozesse zur Grundlage für das Handeln und Entscheiden in den Kommunen geworden?

Methode

Der Hauptteil der Evaluation bestand aus einer Online-Befragung sowie schriftlichen und mündlichen Tiefeninterviews. Die Online-Befragung erfolgte anonym und nicht kommunalbezogen. Für die Befragung wurden drei Varianten des Fragebogens erstellt: die erste und kürzere für Politiker, die zweite für Beschäftigte der Kulturverwaltungen und die dritte für Künstler, andere Kulturschaffende sowie interessierte Bürger.

Insgesamt haben sich 157 an den Prozessen beteiligte Personen an der Online-Befragung beteiligt. Die Umfrage war zwar nicht repräsentativ, dennoch bietet diese Stichprobe einen umfangreichen und guten Ausschnitt aus den aktuellen Kulturentwicklungsplanungen in Westfalen-Lippe.

Einzelne Ergebnisse

Alle Gruppen waren sich bei der Frage nach den wichtigsten Ergebnissen der Kulturplanung in ihrem Ort oder ihrem Kreis relativ einig: „Netzwerk innerhalb der Kommune vorantreiben“, „Kulturschaffende sowie Bürgerinnen und Bürger beteiligen“, „Strategische Ziele für die Kulturpolitik definieren“ und „den Prozess mitgestalten“. In den freien Antwortfeldern nannten alle drei Gruppen „Vernetzung“ und „Koordinierung“ noch einmal als wichtigste Aspekte.

Bei der Frage nach den wichtigsten persönlichen Erfahrungen teilten sich die Gruppen in zwei Lager. Kulturschaffende und Kulturinteressierte sowie die Verwaltungen nannten an erster Stelle die „Netzwerkbildung“ und den „informellen Austausch“. Die Verwaltungen werteten außerdem die „Veränderung der Diskussionskultur als besonders positiv, während es für die Kulturschaffenden und Kulturinteressierten sehr entscheidend war, „selbst inhaltlich mitzuwirken“ und „Mitbestimmung“ zu erfahren.

Bei der Politik deckten sich die persönlich wichtigsten Erfahrungen mit den für sie wichtigsten Ergebnissen des Prozesses, denn die „Entwicklung von Zukunftsvorstellungen, Zielen und Maßnahmen gemeinsam mit anderen“ stand an erster Stelle, das „Kennenlernen anderer Akteure im Kulturbereich“ an zweiter Stelle.

Bei der Frage nach den größten Misserfolgen aus Sicht der Beteiligten durfte frei geantwortet werden. Einige Vertreter der Verwaltung kritisierten beispielsweise fehlende Finanzen und Ressourcen, um die angedachten Projektideen umsetzen zu können. Auch die Kulturschaffenden und Kulturinteressierten bemängelten die Umsetzung der Maßnahmen in die Praxis, ferner seien Personalstellen nicht geschaffen worden, nicht alle Akteure seien erreicht und einbezogen worden und die Finanzierung sei nicht sichergestellt worden.

Handlungsempfehlungen

Die Studie bietet auch Erkenntnisse für andere Kommunen, die ebenfalls an strategischer Kulturplanung interessiert sind. Was können diese von den Kommunen, die bereits Kulturplanung betreiben, lernen? Wie können sie von deren Erfahrungen profitieren? Um diesen Transfer zu ermöglichen, wurden aus den Ergebnissen Handlungsempfehlungen entwickelt.

Die Handlungsempfehlungen thematisieren sieben Fragen, deren Beantwortung für eine erfolgreiche Kulturentwicklungsplanung hilfreich sein kann. Außerdem bieten sie eine Übersicht über die verschiedenen Typen von Kulturplanung und über verbreitete Missverständnisse, was das Instrument Kulturentwicklungsplanung leisten soll und was es tatsächlich leisten kann.

Förderung durch das Land NRW

Das Land hat ein hohes Interesse an strategisch gut aufgestellten Kommunen. Kulturentwicklungsplanung kann deshalb, sofern sie interkommunal betrieben wird, vom Land NRW gemäß Paragraph 16 des Kulturfördergesetzes gefördert werden.
Das Land NRW hat deshalb auch die Evaluation gefördert.

Yasmine Freigang, Stefanie Keil, Markus Morr: Die Kulturagenda Westfalen ff. Eine Wirkungsanalyse. Herausgegeben von der LWL-Kulturabteilung, Yasmine Freigang und Barbara Rüschoff-Parzinger. 72 Seiten, Münster 2019.

Die Studie kann man hier herunterladen oder hier bestellen.