Kulturagenda Westfalen: eine Zwischenbilanz


Rund 300 Kulturakteure haben bei der Westfälischen Kulturkonferenz eine positive Zwischenbilanz der Kulturagenda Westfalen gezogen, dem Kulturentwicklungsprozess für Westfalen-Lippe.

Wo stehen wir? Sind Wirkungen erkennbar? Welche Herausforderungen ergeben sich aus der bisherigen Arbeit? Am Vormittag standen die Pilotplanungsprozesse im Mittelpunkt der Diskussion; am Nachmittag gab es in den Projekttreffen die Möglichkeit zum Austausch und zur Diskussion.



Begrüßung, Einführung und Impulsvortrag Dr. Göschel (Audiodatei)
Podiumsgespräch 1 und 2 (Audiodatei)
Projektberichte und Ausblick (Audiodatei)

Bildergalerie


Bericht

Mit rund 300 Künstlern und Kulturschaffenden, Vereinen, Verbänden und anderen Netzwerken sowie Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung hat die dritte gesamtwestfälisch-lippische Kulturkonferenz einen neuen Teilnehmerrekord erreicht. Unter dem Motto „Wo stehen wir und wie geht es weiter?“ wurde eine Zwischenbilanz der Kulturagenda Westfalen, dem Kulturentwicklungsprozess für Westfalen-Lippe, gezogen.

Begrüßung und Einführung

In Stroetmanns Fabrik in Emsdetten begrüßten Bernd Neuendorf, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, Dieter Gebhard, Vorsitzender der Landschaftsversammlung Westfalen-Lippe, Wolfgang Hölker, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Westfalen-Initiative, sowie Marita Haude, erste stellvertretende Bürgermeisterin von Emsdetten, die Konferenzteilnehmer.

Nach dieser ersten Gesprächsrunde führten LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale und Kulturberater Reinhart Richter in das Konferenzthema ein. Dr. Rüschoff-Thale erläuterte die drei Entwicklungsstränge der Kulturagenda Westfalen „Kulturplanung“, „Gemeinsam handeln“ sowie „Kulturfachliche Knotenpunkte“ und erinnerte an die Meilensteine: die generelle Diskussion und Zustimmung bei der letztjährigen Westfälischen Kulturkonferenz, die Auftaktveranstaltung für die Pilotplanungsprozesse im Mai 2012 in Siegen, die Visionskonferenz im September 2012 in Hamm, bei der 150 Teilnehmende eine Vision für die Kultur in Westfalen-Lippe erarbeitet und wichtige Handlungsfelder bestimmt hatten, und schließlich die Entwicklung von konkreten Projekten und Maßnahmen.

Kulturberater Reinhart Richter rekapitulierte die Auswahl der Pilotplanungsprozesse durch die Steuerungsgruppe, erläuterte die in den Planungsprozessen angewandte Methode und fasste den aktuellen Stand zusammen.

Und schließlich informierte Katharina Wekenborg, Studierende am Institut für Kultur und Medienmanagement Hamburg, über ihre Diplomarbeit. Sie bat die Konferenzteilnehmer um Unterstützung durch Ausfüllen des Fragebogens in der Tagungsmappe.

Impuls: Dr. Albrecht Göschel

Unter dem Titel „Kommunalentwicklung im gesellschaftlichen Wandel: Herausforderungen für eine strategische Kulturplanung“ lenkte Dr. Albrecht Göschel den Blick auf die Auswirkungen der sich wandelnden Gesellschaft auf Kultur und Kommunalentwicklung. Als Ausgangspunkt wählte er den Begriff der Authentizität. Der Weg in eine „Gesellschaft der Authentizität“ habe dramatische kulturpolitische Konsequenzen, die er für drei Bereiche ausführte: die Stadt- bzw. Regionalentwicklung, das Selbst (im Sinne des Selbstbilds jedes Individuums) und das Arbeitsleben. Die aus seinen Überlegungen heraus nötigen Konsequenzen fasste er in drei Punkten zusammen: Kooperation, Profilbildung und kulturelle Bildung auf hohem Niveau.

Die schriftliche Fassung des Vortrags finden Sie oben als pdf-Datei.

Zwischenbilanz: Kulturplanungen

Podiumsgespräch 1: aktueller Stand und Erfahrungen der Pilotplanungsprozesse

  • Eckhard Günther, Bürgermeister der Stadt Freudenberg
  • Benedikt Ruhmöller, Bürgermeister der Stadt Ahlen
  • Ulrike Beckmann, Fachdienstleiterin Schulen, Sport und Kultur des Kreises Olpe
  • Thomas Gehring, Fachbereichsleiter Bürgerdienste der Stadt Halver
  • Gerhart Handermann, Fachbereichsleiter Familie, Jugend, Soziales, Schule und Kultur des Kreises Höxter
  • Wolfgang Streblow, Fachdienstleiter Kultur und Weiterbildung der Stadt Lippstadt
  • Heike Herold, Geschäftsführerin der LWL-Kulturstiftung
  • Reinhart Richter, Richter Kulturberatung

Der Vormittag stand anschließend im Zeichen der Pilotplanungsprozesse, die im Winter 2012/13 begonnen haben. Vertreter aus den beteiligten Pilotkommunen stellten den aktuellen Stand und die Besonderheiten ihres jeweiligen Kulturplanungsprozesses vor.

Die sechs Planungen befinden sich in unterschiedlichen Stadien. So hat die Stadt Freudenberg die öffentlichen Termine bereits abgeschlossen und kann nun mit der Umsetzung des Handlungsplanes und der Vorbereitung für die Beratungen in der Politik beginnen. In den Kreisen Höxter und Olpe sowie im Kooperationsprozess der Städte Ahlen und Beckum haben die Beteiligten bereits ihre Visionen für die Kulturentwicklung erarbeitet. In Lippstadt und der Kooperation „Oben an der Volme“ mit Halver, Kierspe, Meinerzhagen und Schalksmühle steht man kurz vor den Visionskonferenzen. In Lippstadt arbeitet man parallel an einem digitalen Kulturhandbuch, in das innerhalb von zwei Monaten 150 Kulturschaffende eingetragen werden konnten.

In der Zwischenbilanz wurde als besonders positiv das bessere Kennenlernen und die Vernetzung der Akteure untereinander hervorgehoben, besonders auch der Künstler. Überall gehe es um das Zusammenwachsen und eine höhere Wertschätzung der Kultur, auch durch die Wirtschaft. Wichtig sei daneben die Einbindung von jungen Menschen in den Prozess, was am besten über die Schulen gelänge. Mit Blick auf die Umsetzung der Ergebnisse wurde klargestellt, dass die Teilnehmenden in allen Prozessen sich sehr erst genommen fühlten, sich mit großem Engagement einbrächten und entsprechende hohe Erwartungen an die Politik hätten.

Um überall in den Kommunen kulturpolitische Diskurse und strategische Planungen zu initiieren oder zu unterstützen, nehmen an den Pilotplanungen Vertreter von über einem Dutzend anderen Kommunen und Kulturorganisationen als Beobachter teil. Sie begleiten jeweils eine der anderen Planungen, um so für die strategische Arbeit in ihrer eigenen Kommune zu profitieren. Aus Sicht der Beobachter wurde das große Interessse an strategischer Kulturplanung und dem im Rahmen der Kulturagenda praktizierten Format bekräftigt. Es wurde angeregt, über Kulturförderung auch an dieser Stelle nachzudenken, denn Kulturentwicklungsplanung sei eindeutig geeignet, um ziel- und wirkungsorientiert Kulturarbeit zu betreiben.

Podiumsgespräch 2: Kulturplanung und Regionalentwicklung

  • Bernd Neuendorf, Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Friedhelm Spieker, Landrat des Kreises Höxter
  • Enrico Kahl, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Münster
  • Dr. Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft
  • Dr. Albrecht Göschel, Stadtplaner und Soziologe
  • Reinhart Richter, Richter Kulturberatung

Nach dieser Binnensicht wurde in einer zweiten Podiumsdiskussion die Perspektive gewechselt. In einem kritischen kulturpolitischen Diskurs wurden  Bezüge der strategischen Kulturplanung zum in Arbeit befindlichen Kulturfördergesetz NRW und zu Kultur als Standortfaktor thematisiert. Dabei bekräftigte Staatssekretär Bernd Neuendorf vom NRW-Kulturministerium, dass der Kooperationsgedanke neben kultureller Bildung ein zentraler Aspekt des Kulturfördergesetzes werde und dass auch dem Vorschlag zur Förderung von Kulturentwicklungsplanung, der unter anderem in den vorgeschalteten Regionalkonferenzen geäußert worden sei, Rechnung getragen würde. Zudem sei eine Lösung des Problems von Kommunen im Nothaushalt zu kultureller Betätigung in Arbeit.

Dr. Norbert Sievers, Geschäftsführer der kulturpolitischen Gesellschaft, begrüßte die Beteiligungsmöglichkeit an den Planungsprozessen; diese sei auch deshalb wichtig und richtig, da man sich am Beginn einer neuen kulturpolitischen Diskussion in Deutschland befinde. Im Rekurs auf den Impuls von Albrecht Göschel biete der „Zwang zur Unterscheidung“ auch eine Chance für neue Begründungen und Legitimationen für Kulturpolitik, die heute viel stärker als Strukturpolitik verstanden würde.

Aus der Perspektive der Wirtschaft ist Nachhaltigkeit eine wichtige Motivation zu ihrer Förderung. Kultur sei unter dem Stichwort Freizeit längst ein harter Standortfaktor, die nicht politisiert werden dürfe und deren dauerhafte Finanzierung sicherzustellen sei, so der  Höxteraner Landrat Friedhelm Spieker. Eine Verantwortungsgemeinschaft aller Akteure in einer Region sei notwendig; darin war man sich mit Kulturberater Reinhart Richter einig. Und Enrico Kahl, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Münster, bekräftigte, dass es gelte, dafür Kriterien und Spielregeln zu definieren.

Den Mitschnitt der beiden Podiumsdiskussionen finden Sie oben als mp3-Datei.

Rhythmus im Karton

Für künstlerische Abwechslung sorgten nach dem Mittagessen Andreas Greiter, Felix Hirn, Aron Leijendecker und Daniel Townsend. Die vier Schlagzeuger der Nordwestdeutschen Philharmonie ernteten für ihr effektvolles Programm „Rhythmus im Karton“ riesigen Applaus.

Zwischenbilanz: Gemeinsam handeln

Am Nachmittag ging es um die sieben Projekte und Handlungsfelder, in denen Kulturschaffende aus ganz Westfalen-Lippe inzwischen zusammenarbeiten. Im Plenum stellten die federführend Verantwortlichen der einzelnen Projekte diese kurz vor und informierten über den aktuellen Stand. Anschließend verteilten sich alle Konferenzteilnehmer zum intensiveren Austausch und Diskussion in den Treffen zu den jeweiligen Projekten.

Im Netzwerktreffen „literaturland westfalen“ wurde über die Fortsetzung und mögliche Arbeitsschwerpunkte ab dem kommenden Jahr diskutiert.

Bei der Initiative „Gärten & Parks in Westfalen-Lippe“ standen Verbesserungsmöglichkeiten des Internet-Portals www.gaerten-in-westfalen.de und Kooperationsmöglichkeiten mit örtlichen Einrichtungen wie Kindergärten und Firmen im Vordergrund.

Zur Projektidee „Starke Bilder“ gab es auf der Grundlage einiger Impulse eine Diskussion über Ziele, Zielgruppen und mögliche Strategien dieses sich noch in der Entwicklung befindlichen gemeinsamen Vorgehens.

Beim Projekttreffen „Netzwerk. Kultur. Bündnisse“ sowie „Ehrenamt in der Kultur“ standen die anstehenden Tagungen am 28. Mai beziehungsweise am 8. Juni im Mittelpunkt der Gespräche.  

In der Arbeitsgruppe zu den Pilotplanungsprozessen fand ein vertiefter Erfahrungsaustausch zu den fünf Arbeitsschritten der Kulturentwicklungsplanung statt.

Das noch ganz junge Projekt „CREATE MUSIC!“ diskutierte über Chancen und Risiken sowie Wünsche und Erwartungen der Teilnehmenden.

Hinweis: Die ausführliche Fassung der Ergebnisse finden Sie oben als pdf-Datei.

Ausblick: Wie geht es weiter?

Dr. Barbara Rüschoff-Thale, LWL-Kulturdezernentin, berichtete über die positive Resonanz zu den Pilotplanungsprozessen und anderen Projekten, die sie in ihrer Arbeit erfährt.

Bis zum Ende des Jahres 2013 sollen alle Kulturplanungsprozesse nach Möglichkeit abgeschlossen werden, ab Mai würden auch die Prozesse in Hattingen, Witten und Hagen beginnen. Die Ergebnisse sollen bei einer Abschlusstagung anschließend vorgestellt und evaluiert werden. Die Abschlussdokumentation werde außerdem Leitfadencharakter erhalten, um ihre Wirksamkeit und Nachhaltigkeit zu sichern.

Sie erklärte, dass das Projekt „Kultur in Westfalen“ weiterhin alle Projekte begleiten und unterstützen werde. Als wichtige nächste Termine nannte sie die Visionskonferenz von „CREATE MUSIC!“ am 17. Mai in Paderborn, die Tagung „Freiwillige vor! Was braucht das Ehrenamt in der Kultur?“ am 8. Juni, den „Tag der Gärten & Parks in Westfalen-Lippe“ am 8. und 9. Juni und die Abschlussveranstaltung des Festivals „literaturland westfalen“ am  28. September. Sie lud außerdem alle Teilnehmer zum Kulturkontakt Westfalen www.kulturkontakt-westfalen.de und zur neuen Plattform für Ehrenamtliche  www.westfalenbeweger.de ein.