Visionskonferenz

6. bis 7. September 2012

Maximilianpark in Hamm

 

Ergebnisse

Hier finden Sie die Ergebnisse zum Herunterladen:

Kultur Westfalen 2025 - Vision und Handlungsfelder

Bericht über die Visionskonferenz

Teilnehmerliste

Bericht

„Wie soll die Kultur in Westfalen-Lippe in 2025 aufgestellt sein und wie kommen wir dahin?“ Unter dieser Leitfrage kamen am  6. und 7. September 2012 rund 150 Kulturakteure aus ganz Westfalen-Lippe im Maximilianpark in Hamm zusammen.

Gemeinsam erarbeiteten sie eine Vision für die  Kultur in Westfalen im Jahr 2025 und leiteten daraus Handlungsfelder sowie konkrete Projekte ab, an denen sie gemeinsam arbeiten wollen.

Die Visionskonferenz war die zentrale konzeptionelle Veranstaltung der Kulturagenda Westfalen.

 

6.9.2012

Visionsbühne

Nach der Begrüßung und Einführung mit Oberbürgerbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann, LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale und Kulturberater Reinhart Richter begann die Konferenz mit einer Visionsbühne: Sieben Menschen mit ganz unterschied-lichen kulturellen Hintergründen stellten ihre persönliche Vision von der Kultur in Westfalen-Lippe vor und gaben damit Impulse für die Konferenz.

Elisabeth von Reden, Trägerin des OWL-Kulturförderpreises 2011, eröffnete die Visionsbühne mit der Meinung, dass Westfalen sich unter Wert verkaufe und mehr getan werden müsse, damit die Region bekannter wird. Sie stellte drei Visionen vor: Westfalen im Michelin-Reiseführer Deutschland, Gastfreundschaft im Sinne von „hospitality“ und ehrenamtliches Botschafterwesen für Westfalen. Sich selbst bezeichnete sie als eine solche Botschafterin.

Reinhard Horstmann, Unternehmer aus Münster, bezeichnete Visionen als notwendig – ohne dabei an Geld zu denken. Von den knapper werdenden Mitteln dürften sich die Kulturschaffenden nicht abschrecken lassen. Konkret ermutigte Horstmann die Kulturschaffenden, auf das private Engagement von Unternehmern zu setzen, aktiv auf sie zuzugehen und ihnen Kunst und Kultur „auf Augenhöhe“ beizubringen. Unternehmen wollten und könnten vor allem bei der Vermarktung von Kunst und Kultur helfen. Und sie wollten erwähnt werden. Kultur müsse auch mehr in die   Unternehmen gebracht werden und die Menschen müssten zielgruppengerecht in die Kultur mitgenommen werden.

Antje Valentin, Direktorin der Landesmusikakademie NRW, stellte ihre Vision „Die kulturinspirierte Gesellschaft“ vor. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Wissen und Kreativität die entscheidenden Grundlagen für die zukünftige Gesellschaft sind, sieht sie im Jahr 2025 den Alltag in allen Lebensbereichen von Kunst und Kultur durchdrungen – Kultur ist zum Beispiel selbstverständlicher Teil der Mitarbeiterentwicklung geworden und durch die Arbeit von Musikgeragogen in Seniorenheimen konnte der Einsatz von Antidepressiva erheblich vermindert werden.

Thomas Kellner, Fotokünstler aus Siegen, trat für eine „Kulturwende“ ein. Seine Vorstellung: Kultur müsse Gewinn, harter Standortfaktor und messbar sein. Um das zu erreichen, stellte er seinen Vorschlag zur Kulturgewinnermittlung „KGE 21“ vor. Und er forderte, dass fünf Prozent der Haushalte für Kunst und Kultur ausgegeben werden, die zu je einem Drittel für Kinder und Jugend sowie für Musik und für darstellende und bildende Kunst verwendet werden.

Dr. Susanne Schulte, Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit, entwickelte ihre Vision in Anlehnung an Augustinus‘ „Dilige et quod vis fac“ (Liebe und tu, was du willst.) als Liebe zur Kultur. Darin sind Wertschätzung, Anerkennung, Akzeptanz, Freude und Qualität die wichtigsten Merkmale – und dazu hellwach und kritisch und vielfältig und alle einschließend und ein Lebensmittel im Wortsinn sind Kunst und Kultur.

Marie-Luise Goldmann, angehende Philosophiestudentin, begrüßte die Beteiligung junger Leute an der Kulturagenda Westfalen und sprach zunächst von der Angst vieler junger Leute vor der Zukunft. Ihre Vision: Die Kultur ist so attraktiv, dass sie diese überwindet. Goldmann nannte dabei vor allem Authentizität und Intensität als größte Potenziale von Kunst und Kultur. Auch sei es ein Fehler, junge Leute nur über Apps oder Facebook erreichen zu wollen. Am wichtigsten sei die direkte Ansprache und Freiheit für künstlerische Entfaltung, zum Beispiel durch das Überlassen öffentlichen Raums. Ihre Bitte zum Schluss: mehr Diskussionsräume für die Jugend schaffen und gemeinsame Gesprächsrunden für Analyse und Reflexion, damit die Welt nicht im bloßen „Gefällt mir“ untergeht.   

Angela Braun-Kampschulte aus dem NRW-Kulturministerium hob die Bedeutung von Kommunikation als Basis auch zur Aufrechterhaltung des Kulturangebots in Zukunft hervor. Ihre Visionen: über „Kirchtürme“ hinausdenken, über Befindlichkeiten und „Vereinsmeiereien“ hinwegsehen und schließlich die Aufforderung an die Konferenzteilnehmer Visionen zu entwickeln, die man mit anderen Fachpolitiken teilen könne; denn Kultur als Querschnittaufgabe müsse auch die Zustimmung der anderen Fachpolitiken einwerben.

 Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Herkünften stellten ihre Vision von der Kultur im Jahr 2025 vor.

In der anschließenden Zusammenschau wurde deutlich, dass alle Impulse von zwei übergreifenden Aspekten durchzogen waren: von dem Wunsch nach einem anderen Klima, einem anderen Lebensstil der Gesellschaft, in der Kultur mehr selbstverständlich ist; zum anderen, dass Kunst und Kultur mehr „auf Augenhöhe“ mit anderen Welten in unserer Gesellschaft, z. B. der Finanzwelt, stehen. In die Diskussion mit dem Plenum wurden einzelne Aspekte wie der Kulturbegriff und die Rolle der – auch bei dieser Konferenz abwesenden – Migranten eingebracht.

Workshops

So inspiriert, erarbeiteten die Teilnehmenden in vier Workshops anschließend ihre Visionen für die Kultur und trugen diese im Plenum zusammen. Eine Redaktionsgruppe aus Vertretern der Workshops und Kulturberater Reinhart Richter führte die Ergebnisse zusammen.

 

Kulturprogramm

Am Abend kam die Kunst selbst zu Wort: Charis Nass und Alexander Steindorf vom Westfälischen Landestheater (WLT) in Castrop-Rauxel präsentierten drei Stücke aus dem bundesweiten Wettbewerb des WLT für Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund "In Zukunft" als szenische Lesung. Neben dem Gewinnerstück "Vor Wien" von Akin E. Sipal genossen die Zuschauer "Kapitel 1 des Kategorisierungs- und Erziehungsapparates 'Operation Heimat' der Agentur Ausländerrausch" von Nesrin Tanç und einen Ausschnitt aus "Call Shop" von Jubril Sulaimon.

 

7.9.2012

Die Vision

Am zweiten Tag stand zunächst die Visionssynthese auf dem Programm. Die Teilnehmenden diskutierten die von der Redaktionsgruppe erarbeitete Synthese. Sie wurde mit wenigen Änderungen verabschiedet:

Kultur Westfalen 2025 – Vision

Kultur in Westfalen hat einen hohen, eigenen Stellenwert. Die politisch Verantwortlichen in der Kultur wie auch in anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern verstehen die Kultur als Pflichtaufgabe. Als Querschnittsaufgabe hat diese zunehmende Bedeutung für die Stadt- und Regionalentwicklung gewonnen. Die Bereitstellung von Ressourcen für Erhaltung und Entwicklung der Kulturarbeit hat sich entsprechend ihrem gesellschaftlichen Stellenwert entwickelt. Menschen unterschiedlicher regionaler, sozialer und fachlicher Herkünfte arbeiten als engagierte Botschafterinnen und Botschafter der Kultur in und für Westfalen.

Die demografischen Entwicklungen, die Globalisierung, die verstärkte Entwicklung zur multikulturellen Gesellschaft und das gewachsene Bewusstsein in Politik, Bevölkerung und Unternehmen für die Bedeutung der Kultur für die persönlichen und die gesellschaftlichen Entwicklungen haben diesen Bedeutungsgewinn für die Kultur in der Gesellschaft bewirkt.

Kooperationen und Netzwerke haben zunehmend an Bedeutung gewonnen und ermöglichen den Erhalt der Infrastruktur und die Realisierung neuer Vorhaben. Moderne Formen der Vernetzung fördern sowohl den Austausch der Einrichtungen als auch der kulturell Aktiven in Westfalen.

Die Vielfalt und Qualität der Kultur in Westfalen entwickelt sich durch die Arbeit der Kultureinrichtungen und Institutionen, der freien Szene und durch Kooperationen von Ehrenamt, Kommunen, Unternehmen und Verbänden. Sie spiegelt sich auch im Dialog der Generationen wider.

Unternehmer erkennen die besondere Bedeutung der kulturellen Infrastruktur, aus gesellschaftlicher Verantwortung und auch um qualifiziertes Personal zu halten und zu gewinnen. Sie setzen ihre Potenziale und Ressourcen für die Förderung der Kultur ein.

Der Stellenwert des Ehrenamtes in der Gesellschaft hat an Bedeutung gewonnen. Die Qualität und Vielfalt ehrenamtlicher Tätigkeit in der Kultur ist durch eine systematische professionelle Form der Unterstützung möglich geworden.

Junge Menschen wachsen in Westfalen in einer für alle frei zugänglichen Kulturlandschaft auf, die sie von Kindesbeinen an als Kulturschaffende, Kulturinteressierte und Rezipienten von professionellen Kulturangeboten ernst nimmt und unterstützt. Kulturelle Bildung hat in Kindertageseinrichtungen und Schulen einen hohen Stellenwert. Musik, Kunst, Literatur und darstellendes Spiel haben in Schulen dieselbe Bedeutung wie andere wichtige Unterrichtsfächer. Kulturverantwortliche und Einrichtungen bieten jungen Menschen eigene kulturelle Entwicklungsräume und Berufschancen.

Neue Formen und Wege der Kulturarbeit eröffnen Menschen, die nicht selbstverständlich Zugang zu kultureller Teilhabe finden, neue Chancen.

Kulturverantwortliche haben die besondere Bedeutung der freien Kulturarbeit und der künstlerischen Tätigkeit erkannt. Künstlerinnen und Künstler und andere Kulturschaffende nehmen aktiv Einfluss auf die Entwicklungen und die Schwerpunkte der Kulturpolitik und auf das Verwaltungshandeln. Sie haben die Möglichkeit, systematisch und nachhaltig in die öffentlich getragene Kulturarbeit eingebunden zu werden.

Das Land NRW unterstützt die Erhaltung der kulturellen Infrastruktur und die Entwicklung neuer Formen der Kulturarbeit. Für das Land wie auch für andere Regionalverantwortliche haben die Entwicklung und Sicherung des Kulturlebens im ländlichen Raum und die Unterstützung von Kooperationen einen besonderen Stellenwert.

Dienstleistungen und Förderungen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe für die Kulturarbeit der Kommunen unterstützen die Entwicklung und den Erhalt der kulturellen Vielfalt.

Also: Kultur in Westfalen hat einen hohen, eigenen Stellenwert. Die politisch Verantwortlichen in der Kultur wie auch in anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern verstehen die Kultur als Pflichtaufgabe.

Handlungsfelder

Auf der Grundlage dieser gemeinsam erarbeiteten Vision verständigten sich die Teilnehmenden auf Handlungsfelder: „In welchen Handlungsfeldern müssen wir tätig werden, um unsere Vision zu verwirklichen?“

25 Handlungsfelder wurden zu den durch das Projekt „Kultur in Westfalen“ bereits existierenden Feldern „Gärten und Parks in Westfalen-Lippe“, „literaturland westfalen“ sowie „Klosterlandschaft Westfalen“ benannt; die Punktzahl (in Klammern) zeigt die Intensität des Mitwirkungsinteresses:

1.    Durch Diskurse und strategische Kulturplanungen den gesellschaftlichen Wert der Kultur deutlich machen (49 Punkte)

2.    Erhalten und Fördern der professionellen Kulturarbeit (44 Punkte)

3.    Ausdrucksformen der Jugendkultur sichtbar machen (39 Punkte)

4.    Erinnerungskultur und Geschichtsarbeit (37 Punkte)

5.    Neue Wege der Kulturfinanzierung und der Gewinnung neuer Budgets finden (36 Punkte)

6.    Kooperationen und Vernetzungen fördern und neue Formen der Kulturarbeit unterstützen (33 Punkte)

7.    Stärkung und Förderung des Ehrenamtes (28 Punkte)

8.    Rahmenbedingungen und Gestaltungsräume für junge „Kulturprofis“ schaffen (26 Punkte)

9.    Starke Bilder (25 Punkte)

10.  Kleinode der westfälischen Kultur erkennen und präsentieren (25 Punkte)

11.  Neue Formen und Wege der Kulturarbeit eröffnen für Menschen, die nicht selbstverständlich Zugang zur Kultur haben (25 Punkte)

Bei der Bewertung fanden die nachfolgend aufgeführten weiteren Handlungsfelder deutlich weniger Anklang. Bei der Betrachtung im Plenum wies Kulturberater Reinhart Richter darauf hin, dass dies erst einmal keine Bewertung der Qualität darstelle, sondern dass diese Handlungsfelder lediglich zurzeit als weniger dringend oder wichtig erachtet würden:

12.  Vielfalt und Qualität der Kultur in Westfalen durch Entwicklung und Vermittlung vieler Projekte stärken (14 Punkte)

13.  Entwicklung der freien Kulturarbeit (12 Punkte)

14.  Kooperationen zwischen Laientheatern und professionellen Theatern (11 Punkte)

15.  Kultur als Standortfaktor (10 Punkte)

16.  Dialog der Kultur und Dialog der Generationen entwickeln (10 Punkte)

17.  Kreativitätswirtschaft (8 Punkte)

18.  Grenzüberwindung (6 Punkte)

19.  Arbeitswelt, Strukturwandel, Zukunftsperspektive (6 Punkte)

20.  Lichtkunst (5 Punkte)

21.  Experimentierfeld Westfalen (5 Punkte)

22.  Utopien (4 Punkte)

23.  Wege  (2 Punkte)

24.  Adel (1 Punkt)

25.  Westfalen im gesellschaftlichen Wandel (0 Punkte)

Projektideen

Die Teilnehmenden waren eingeladen, auf der Grundlage der elf Handlungsfelder, die die meiste Zustimmung erhalten hatten (s. o.), ihre Ideen für konkrete Projekte einzubringen. Die folgenden neun Ideen wurden vorgestellt und von ihren Initiatoren anschließend mit denjenigen Teilnehmenden, die Interesse an der Mitarbeit äußerten, vertieft.

Alle Titel sind als Arbeitstitel zu verstehen.

Projekt 1: Weiterentwicklung Kulturmanagement und Kulturpolitik
Initiator: Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange (Universität Witten-Herdecke)
Handlungsfeld: Durch Diskurse und strategische Kulturplanungen den gesellschaftlichen Wert der Kultur deutlich machen

Projekt 2: Alles rund ums Geld
Initiator: Dirk Kaiser
Handlungsfeld: Neue Wege der Kulturfinanzierung und der Gewinnung neuer Budgets finden

Projekt 3: Create Music Westfalen
Initiatorin: Antje Valentin
Handlungsfelder: Erhalten und Fördern der professionellen Kulturarbeit / Rahmen und Gestaltungsräume für junge „Kulturprofis“ schaffen

Projekt 4: Starke Bilder
Initiatorinnen: Marlies Strübbe-Tewes, Marie-Luise Goldmann, Dr. Beilmann-Schöner
Handlungsfeld: Starke Bilder

Projekt 5: Auseinandersetzung mit Geschichte
Initiator: Dr. Frieder Schütz
Handlungsfeld: Erinnerungskultur und Geschichtsarbeit

Projekt 6: Kulturtage in westfälischen Gärten
Initiator: Udo Woltering
Handlungsfeld: Kleinode der westfälischen Kultur erkennen und Präsentieren

Projekt: 7 Unterstützung ehrenamtlicher Arbeit
Initiatorin: Karin Schröder
Handlungsfeld: Stärkung und Förderung des Ehrenamtes

Projekt 8: Kulturpolitik (Dialoggruppen stärken)
Initiatorin: Dr. Yasmine Freigang
Handlungsfeld: Durch Diskurse und strategische Kulturplanungen den gesellschaftlichen Wert der Kultur deutlich machen

Projekt 9: Kulturkirchen
Initiator: Martin Frost
Handlungsfeld: Kleinode der westfälischen Kultur erkennen und präsentieren

Weiteres Vorgehen

Das Projektteam „Kultur in Westfalen“ veröffentlicht und koordiniert die Projekte und unterstützt die Initiatoren bei Anschub und Umsetzung.

Bei der Westfälischen Kulturkonferenz im April 2013 wird Zwischenbilanz gezogen und berichtet, wie weit die Projekte gediehen sind.

Haben Sie Interesse an Mitarbeit in einem der Projekte? Haben Sie weitere Ideen für westfalenweites Handeln oder ein Projekt mit Strahlkraft für ganz Westfalen-Lippe? Nehmen Sie mit dem Projektteam Kontakt auf!